Tagesgeld, Festgeld, Anleihen:
Zins ist nicht gleich Zins
Obwohl die Europäische Zentralbank ihren Einlagensatz zuletzt am 23. Juli unverändert bei 2,25 Prozent ließ, bewegten sich danach die Renditen langfristiger Anleihen weiter. So lag die Rendite der jüngsten zehnjährigen Bundesanleihe am 24. August bei 3,24 Prozent.
Gleichzeitig bieten Banken ihren Kunden sehr unterschiedliche Zinsen für Tages- und Festgeld. Während viele Institute das Guthaben Ihrer Kunden mit moderaten 0,5-1,5 Prozent p.a. verzinsen, locken andere Neukunden mit Aktionszinsen von bis zu 4 Prozent p.a. für einen befristeten Zeitraum. Wie passt das zusammen?
Hierzu müssen wir zunächst eine grundlegende Unterscheidung vornehmen: Leitzins, Guthabenzins und Anleiherendite werden nicht von derselben Stelle festgelegt. Eine Notenbankentscheidung ist lediglich der Ausgangspunkt für die Zinskonditionen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Eine Notenbankentscheidung ist nur der Ausgangspunkt. Sie legt weder den Guthabenzins einer Bank noch die Rendite langfristiger Anleihen unmittelbar fest.
- Der EZB-Einlagensatz beeinflusst vor allem sehr kurzfristige Finanzierungen und den Geldmarkt.
- Tages- und Festgeldzinsen bestimmen die Banken selbst. Sie berücksichtigen dabei den eigenen Finanzierungsbedarf, den Wettbewerb und die vereinbarte Laufzeit.
- Anleiherenditen entstehen am Kapitalmarkt. Sie spiegeln Erwartungen zu Inflation und kurzfristigen Zinsen über die gesamte Laufzeit sowie die Zahlungsfähigkeit des Schuldners wider.
- Steigen die Renditen neuer Anleihen, fallen in der Regel die Kurse bestehender Papiere mit niedrigeren festen Zinsen. Längere Laufzeiten reagieren stärker auf veränderte Marktzinsen.
- Für die Liquiditätsplanung sollte die geplante Verwendung des Geldes, die notwendige Verfügbarkeit und die tragbaren Kursschwankungen berücksichtigt werden.
Was die Notenbank tatsächlich festlegt
Der Einlagensatz bestimmt, welchen Zins Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld über Nacht bei der EZB parken. Er wirkt sich deshalb vor allem auf sehr kurzfristige Finanzierungen und den Geldmarkt aus.
Die EZB richtet ihre Entscheidungen auf stabile Preise im Euroraum aus. Dabei betrachtet sie die Inflationsaussichten, die Konjunktur und die Wirkung ihrer bisherigen Geldpolitik. Am 23. Juli beließ sie den Einlagensatz bei 2,25 Prozent und erklärte erneut, von Sitzung zu Sitzung anhand der verfügbaren Daten zu entscheiden.
In den USA ist der Auftrag etwas breiter. Die Federal Reserve soll stabile Preise und eine möglichst hohe Beschäftigung fördern. Deshalb können neue Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten dort unterschiedliche Zinssignale senden.
Notenbanken legen jedoch keinen einheitlichen Anlagezins fest, den Banken und Kapitalmärkte anschließend übernehmen. Sie beeinflussen das Zinsumfeld zwar, was daraus wiederum für ein Tagesgeldkonto oder eine zehnjährige Anleihe entsteht, wird an anderer Stelle entschieden.
Wie legen Banken die Guthabenzinsen fest?
Der Tagesgeldzins ist keine direkte Kopie des EZB-Einlagensatzes. Jede Bank legt die Zinskonditionen für Ihre Kunden selbst fest.
Benötigt eine Bank zusätzliche Einlagen, kann sie mit einem höheren Tagesgeldzins um neue Kunden werben. Verfügt sie bereits über ausreichend Kapital, gibt ihr das weniger Anlass, attraktive Konditionen anzubieten. Deshalb können zwei Banken am selben Tag deutlich unterschiedliche Zinsen zahlen. Und beide Angebote können sich vom Einlagensatz der EZB unterscheiden.
Beim Festgeld kommt die Laufzeit hinzu. Die Bank sagt einen Zins für einen vereinbarten Zeitraum zu und verarbeitet in diesem Angebot ihre Erwartungen über die künftige Zinsentwicklung und ihren eigenen Finanzierungsbedarf. Ein zweijähriges Festgeld bildet daher nicht einfach den aktuellen EZB-Zins für zwei Jahre ab.
Auch die Weitergabe einer Leitzinsänderung folgt keinem festen Zeitplan. Banken können ihre Guthabenzinsen früher, später oder nur teilweise anpassen. Eine Pflicht besteht nicht.
Wie reagieren Anleihen auf Zinsänderungen?
Bei Anleihen entsteht die Rendite am Kapitalmarkt. Käufer und Verkäufer bewerten dabei, wie sich Inflation und Zinsänderungen auf den Renditeverlauf der Anleihen auswirken könnten. Hinzu kommen die Zahlungsfähigkeit des Schuldners und die Unsicherheit einer längeren Kapitalbindung. Deshalb kann die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe steigen, obwohl die EZB ihren Leitzins nicht verändert. Neue Inflationsdaten oder veränderte Konjunkturerwartungen reichen dafür bereits aus.
Selbst nach einer Leitzinssenkung müssen langfristige Anleiherenditen nicht fallen. Hat der Markt die Senkung schon erwartet, kann sie bereits in den Kursen enthalten sein. Wachsen gleichzeitig die Sorgen vor länger anhaltender Inflation, können langfristige Renditen sogar steigen. Der Kapitalmarkt wartet also nicht auf den Sitzungstermin der Notenbank, sondern verarbeitet neue Informationen fortlaufend.
Eine bestehende Anleihe zahlt einen festgelegten Zins, den sogenannten Kupon. Steigen die Renditen neu ausgegebener und vergleichbarer Anleihen, verliert der alte Kupon an Attraktivität. Der Kurs der bestehenden Anleihe muss sinken, damit ein Käufer auf eine ähnliche Gesamtrendite kommt. Längere Laufzeiten reagieren dadurch meist stärker auf veränderte Marktzinsen.
Wer eine einzelne Anleihe bis zur Fälligkeit hält, erhält bei Zahlungsfähigkeit des Emittenten den vereinbarten Rückzahlungsbetrag. Wer vorher verkauft, erhält den aktuellen Börsenkurs der Anleihe. Je nach aktuellem Marktzinsniveau kann sich daher ein vorzeitiger Verkauf lohnen.
Welche Zinsanlage ist die beste Liquiditätsreserve?
Für die eigene Liquiditätsplanung sagt die Höhe des Zinssatzes allein wenig aus. Ein Tagesgeldzins von drei Prozent erfüllt eine andere Aufgabe als drei Prozent Rendite auf eine zehnjährige Anleihe.
Bei größeren Liquiditätsbeständen sollte deshalb zunächst feststehen, wann welcher Betrag voraussichtlich gebraucht wird. Ebenso relevant ist, ob das Geld jederzeit verfügbar sein muss und welche zwischenzeitlichen Schwankungen tragbar sind.
👉 Warum bei größeren Vermögen der Blick auf den Zinssatz allein nicht ausreicht, lesen Sie in unserem Beitrag „Warum große Vermögen mehr brauchen als gute Zinsen“.
Wichtiger Hinweis / Disclaimer:
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information über die Situation am Finanzmarkt und der aktuellen Einschätzung der GFA FP Vermögensverwaltung. Er stellt keine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung dar. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit kann keine Gewähr und keine Haftung übernommen werden. Finanzanlagen sind mit Risiken verbunden, die bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen können. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Erträge. Der Autor übernimmt keine Haftung für Handlungen, die auf Basis dieses Textes ergriffen werden. Der Text und der Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Jegliche Investitionsentscheidung erfolgt auf eigene Gefahr. Ob die Strategie für Ihre persönliche Vermögensstruktur geeignet ist, hängt von Ihrer individuellen Situation ab. Ein persönliches Gespräch ist zu empfehlen.
Wichtiger Hinweis auf Interessenkonflikte: Die GFA FP Vermögensverwaltung kann zum Zeitpunkt der Veröffentlichung direkt oder indirekt (z.B. über verwaltete Kunden-Depots oder gemanagte Produkte) Positionen in den erwähnten Wertpapieren halten. Es besteht daher ein potenzieller Interessenkonflikt. Die GFA FP Vermögensverwaltung behält sich vor, die genannten Titel jederzeit und ohne vorherige Ankündigung zu kaufen, zu verkaufen oder abzustoßen. Die geschriebenen Analysen basieren auf dem Wissensstand zum Veröffentlichungsdatum und werden nicht nachträglich aktualisiert. Einzelwerte unterliegen starken Kursschwankungen und können zu erheblichen Verlusten bis hin zum Totalverlust führen.
FAQ: Häufige Fragen zu Zinsen
Ist der Tagesgeldzins dasselbe wie der EZB-Leitzins?
Nein. Der EZB-Einlagensatz beeinflusst das allgemeine Zinsumfeld und vor allem sehr kurzfristige Marktzinsen. Welche Verzinsung Kunden auf einem Tagesgeldkonto erhalten, legt jede Bank selbst fest.
Warum zahlen Banken unterschiedliche Tagesgeldzinsen?
Banken haben einen unterschiedlichen Bedarf an Kundeneinlagen. Auch der Wettbewerb und befristete Neukundenaktionen wirken sich auf die angebotenen Zinsen aus. Deshalb können zwei Banken am selben Tag deutlich unterschiedliche Tagesgeldzinsen zahlen.
Warum entspricht der Festgeldzins nicht einfach dem aktuellen EZB-Zins?
Beim Festgeld sagt die Bank einen Zinssatz für einen vereinbarten Zeitraum zu. In das Angebot fließen daher auch ihre Erwartungen zur künftigen Zinsentwicklung und ihr eigener Finanzierungsbedarf ein.
Warum verändern sich Anleiherenditen ohne neuen Zinsentscheid der EZB?
Anleiherenditen entstehen durch Angebot und Nachfrage am Kapitalmarkt. Neue Inflationsdaten oder veränderte Konjunkturerwartungen können die Einschätzung der Anleger sofort verändern. Der Markt wartet deshalb nicht bis zur nächsten Sitzung der Notenbank.
Fallen Anleiherenditen nach einer Leitzinssenkung automatisch?
Nein. Hat der Kapitalmarkt die Zinssenkung bereits erwartet, kann sie schon in den Kursen enthalten sein. Steigen gleichzeitig die Erwartungen an die langfristige Inflation, können die Renditen länger laufender Anleihen sogar zulegen.
Warum fallen Anleihekurse, wenn die Marktrenditen steigen?
Eine bestehende Anleihe zahlt einen festgelegten Zins. Bieten neue vergleichbare Anleihen eine höhere Rendite, wird das ältere Papier weniger attraktiv. Sein Kurs sinkt, damit ein Käufer auf eine ähnliche Gesamtrendite kommt.
Was passiert, wenn eine Anleihe bis zur Fälligkeit gehalten wird?
Bei Zahlungsfähigkeit des Emittenten erhält der Anleger den vereinbarten Rückzahlungsbetrag. Wird die Anleihe vor ihrer Fälligkeit verkauft, richtet sich der Erlös nach dem dann aktuellen Börsenkurs.
Wie lassen sich Tagesgeld, Festgeld und Anleihen sinnvoll vergleichen?
Zunächst sollte feststehen, wann das Kapital voraussichtlich benötigt wird. Danach lassen sich Verfügbarkeit, Laufzeit und mögliche Kursschwankungen einordnen. Ein gleich hoher Zinssatz bedeutet bei Tagesgeld und einer langfristigen Anleihe nicht dieselbe Wirkung.